Freiheit und Glück – Gärtnern erdet

Freiheit und Glück – Gärtnern erdet

Interview mit Heike Boomgaarden

Heike Boomgaarden, geb. 1962 in Ostfriesland, ist Gartenbauingenieurin und seit vielen Jahren aus TV und Radio als Gartenexpertin bekannt. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, ausgebildete Glückslehrin und Initiatorin innovativer Projekte wie der Essbaren Stadt Andernach, Natürlich Klug, GesundLand, Permakulturanlagen,***.  Heike Boomgaarden versteht sich als Sozialunternehmerin und engagiert sich beruflich und ehrenamtlich in vielen Projekten im In- und Ausland, z. B. für Flüchtlingsgärten oder Frauenprojekte in Afrika. Schon seit vielen Jahren liegen ihr Bildungsgärten besonders am Herzen. Deshalb hat die Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten sie eingeladen, beim Ersten Schulgartentag in Berlin 22.06.17 den Einführungsvortrag gehalten.

Birgitta Goldschmidt (BG): Heike, vielen Dank, dass du zum Ersten Bundesschulgartentag nach Berlin gekommen bist. Dein Vortrag stand unter dem Titel „Freiheit und Glück – Gärtnern erdet.“ Man hätte nun vielleicht erwartet, dass du auf die Qualitäten des Gartens bzw. des Gärtnerns für menschliche Grundbedürfnisse eingehst. Stattdessen hast du – sehr engagiert! – den Schulgarten aus dem Blickwinkel der Menschenrechte, insbesondere der Kinderrechte betrachtet. Wie bist du darauf gekommen?

Heike Boomgaarden (HB): „Jedes Kind hat ein Recht auf Schulgarten“, so lautet das Motto der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten. Das klingt doch schon nach Kinderrechten, finde ich. Natürlich steht das nicht so in der Kinderrechtskonvention. Dennoch geht es mir so, dass ich einen Garten vor Augen habe, wenn ich die Kinderrechte lese.

BG: Liegt das vielleicht daran, dass du dich tagein tagaus mit dem Garten beschäftigt und deshalb grundsätzlich immer einen Garten vor Augen siehst?

HB (lacht): Das kann natürlich sein. Aber im Ernst: Kinder und Garten passen einfach gut zusammen. Und das erkennt man nicht nur als Gartenliebhaber, sondern es lässt sich auch überzeugend erklären.

BG: Da bin ich gespannt.

HB: Kinderrechte, die in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 formuliert wurden, beziehen sich auf die Menschenrechtserklärung der UN von 1948. Kinder sind besondere Menschen und brauchen besondere Rechte – vor allem besonderen Schutz. Und sie brauchen besondere Lebens-Räume, die ihren allgemeinen Menschenrechten und speziellen Kinderrechten auch ge-recht werden.

BG: Und einer dieser Lebens-Räume ist der Garten?

HB: Absolut! Besonders deutlich wird das im Artikel 29 über Bildungsziele und Bildungseinrichtungen. Dort heißt es gleich zu Beginn, „dass die Bildung des Kindes darauf gerichtet sein muss, die Persönlichkeit, die Begabung und die geistigen und körperlichen Fähigkeiten des Kindes voll zur Entfaltung zu bringen.“ An erster Stelle steht also kein Bildungskanon, sondern die individuelle Persönlichkeitsentfaltung. Das geht aber nur, wenn ich Kindern Gestaltungsfreiheit und Raum für Eigenkreativität gebe. Und genau das bietet der Garten, denn er ist ein Ort, an dem ich gestalten kann und dabei auch immer ein Ergebnis erziele. Wer keinen Raum für Gestaltung hat, wer nicht erleben kann, dass sein Tun ein Ergebnis hat, ist unglücklich, das ist eine fundamentale Aussage der Glückstheorie.

BG: Ist Glück denn auch ein Menschenrecht?

HB: Sollte man meinen! Explizit genannt wird „Glück“ weder in der Menschenrechtskonvention noch z. B. im deutschen Grundgesetz. In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung steht das Recht auf das „Streben nach Glück“ (the pursuit of happiness) als gleichberechtigt neben dem Recht auf Leben, Freiheit und Gleichheit. Wohlgemerkt nicht das Glück selbst, sondern das Streben nach Glück. Auf den Punkt bringt es ein Satz, der in unserer Nationalhymne auftaucht: „Einigkeit und Recht und Freiheit sind des Glückes Unterpfand!“ Alle Menschenrechte dienen dazu, dass Menschen glücklich sein können – für sich und in der Gemeinschaft. Glück ist also kein Recht, sondern quasi das Ziel aller Rechte.

BG: Macht Gärtnern glücklich?

HB: Nicht automatisch. Wenn jemand unter schlechten Arbeitsbedingungen in einer Gärtnerei schuften muss, ist dieser Mensch sicher nicht glücklich. Das liegt aber nicht am Garten, sondern an den Menschen, die dieses System bestimmen. Das „Prinzip Garten“ birgt aber ein unglaublich großes Glückspotenzial.

BG: Was meinst du mit dem „Prinzip Garten“?

HB: Der Garten ist DER Ort, der unserer menschlichen „Doppelnatur“ am ehesten entspricht: dem Naturwesen Mensch und dem Kulturwesen Mensch. Im Garten stehen Natur und Kultur im ständigen Dialog. Wir greifen gestaltend ein, und die Natur antwortet. Wenn der Dialog gelingt, belohnt uns die Natur mit Schönheit und Ertrag. Das erfüllt uns mit Glück! Das ist damit gemeint, wenn man sagt: Gärtnern erdet. Die Arbeit mit dem Boden und mit Pflanzen ist Arbeit an unseren wesentlichen Wurzeln. Und wenn der Garten so sehr unserem Wesen entspricht, dann ist das Gärtnern quasi der zugehörige „Trieb“.

BG: Deshalb beruhigt sich unser überdrehter Herzschlag, wenn unsere Hände in warme Erde greifen?!

HB: Ja, die therapeutische Wirkung des Gärtnerns ist sogar nachgewiesen. „Ruhe“ ist übrigens auch ein Kinderrecht. Das Recht auf „Ruhe und Freizeit, auf Spiel und altersgemäße aktive Erholung“ ausgerechnet im Garten zu verorten, den man ja durchaus auch mit Arbeit verbindet, hat genau mit dieser Eigenschaft des Gartens zu tun, uns vom Ballast unserer Sorgen zu befreien, indem wir unsere Verbundenheit mit der Natur spüren und genießen. Das merken Kinder ganz instinktiv. Sie bewegen sich im Garten mit wachem Geist und begegnen der Natur – insbesondere Tieren – mit Begeisterung. Sie erleben die Natur als Akteur in ihrer Welt des spielerischen Lernens – oder vielmehr des lehrenden Spiels. Es gibt wohl kaum einen kindgerechteren Lernort als den Garten!

BG: Was sich im Garten so alles lernen lässt, dazu haben wir in Berlin einen eigenen Vortrag gehört.

HB: Dennoch führt uns die Betrachtung der Mannigfaltigkeit an Fähigkeiten und Kompetenzen, die im Garten gebraucht werden und erlernbar sind, wiederum zu den Menschenrechten.

BG: Fähigkeiten wie z. B. planen, vorausschauend denken, Zusammenhänge verstehen, Geschicklichkeit, Ausdauer, Körperkraft …

HB: … ästhetische Treffsicherheit, aber auch Wissen, Experimentierfreude und Resilienz. Da könnte man noch viel mehr nennen. Auf jeden Fall zeigt schon diese Aufzählung, dass all diese Eigenschaften niemals ein Mensch ganz alleine in sich vereinigen kann. Deshalb ist der Garten prädestiniert für Kooperation. Hier kann jeder seine individuellen Fähigkeiten einbringen. Das macht den Garten übrigens auch so erfolgreich als Therapieort für Menschen mit Behinderungen jeglicher Art. Irgendeine Fähigkeit, die im Garten gebraucht wird, hat jeder, und sei es auch nur, dass er durch seine Freude am Duft einer Blume einem anderen einen Zugang zum einfachen Glück offenbart.

BG: Der Garten ist also auch ein Ort der Interaktion, der zwischenmenschlichen Begegnung?

HB: Genau, und zwar einer Begegnung auf Augenhöhe. Der Garten bewertet Menschen nicht nach ihrer kulturellen Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihrem Alter. Er spricht mit allen Menschen in der gleichen Sprache, der Sprache der Natur. Der Garten stößt uns also mit der Nase auf den Gleichheitsgrundsatz der Menschenrechte. Wo ein Garten von mehreren Menschen bewirtschaftet wird, lässt sich ganz praktisch erfahren, dass eine Gemeinschaft dort besonders stark ist, wo die individuellen Fähigkeiten für ein gemeinsames Ziel eingesetzt werden. Ich habe das selbst schon oft erfahren dürfen in Gartenprojekten mit Flüchtlingen. Generell ist das gemeinsame Schaffen ein äußerst beglückendes Erlebnis.

BG: Ja, das kenne ich von Bau- oder Pflegeaktionen im Schulgarten auch sehr gut. Vor allem lernt man da ja auch mal andere Eltern kennen, die man sonst nur mal auf einem Elternabend gesehen hat. Gemeinsam arbeiten schweißt richtig zusammen.

HB: Und es ist auch toll für die Kinder. Denn die haben ja – da sind wir wieder bei den Kinderrechten – ein Recht auf Familie. In der modernen westlichen Welt sind Gemeinschaftserlebnisse mit der Familie aber zur Seltenheit geworden, erst recht Familienerlebnisse innerhalb einer größeren Community. Sich mit anderen Familien zusammen als Gemeinschaft zu erleben – dazu bieten Schulgärten ein ideales Terrain.

BG: Vor allem, weil die Schulgemeinschaft ja keine Wahlverwandtschaft ist, sondern ein Sammelsurium an Menschen unterschiedlicher Lebensstile und Kulturen.

HB: Wenn wir in einer solchen Gemeinschaft die Natur und das Gärtnern als „Universalia“ erleben, als etwas, das überall auf der Welt eine elementare Bedeutung hat, erweitert das unseren Horizont und trainiert unsere Toleranz. Letztlich ist also der Schulgarten auch ein Ort der Friedensbildung!

BG: Heike, ich danke dir für dieses Gespräch!

HB: Gern geschehen! Wenn ich mir zum Schluss noch etwas wünschen darf?!

BG: Aber gerne!

HB: Ich wünsche mir für alle Kinder dieser Welt das Ihnen ein Zugang zu Naturerfahrungen gegeben wird und Kinder Gestalter Ihres Lebens werden dürfen. Am Ende ein Zitat

 Nutze die Talente, die Du hast.
Die Wälder wären sehr still,
wenn nur die begabtesten Vögel sängen.

Henry van Dyke

Impressionen